FACHKRÄFTE-INDEX
Life Sciences

Spezialisierung facht den Fachkräftemangel an - Beitrag von von Gero Knüfer, Division Manager Life-Sciences bei der Hays (Schweiz) AG

Hays hat den Fachkräfte-Index (FKI) in diesem Jahr komplett neu aufgestellt. Im Bereich Life-Sciences werden nun spezifischere Berufsqualifikationen unterschieden als in der Vergangenheit. Den Referenzwert 100 bildet neu das erste Quartal 2015. Seither ist der Index in der Schweiz auf 190 Punkte im ersten Quartal 2018 und sogar 217 Punkte am Ende des zweiten Quartals 2018 gestiegen, die Nachfrage hat sich also in gut drei Jahren mehr als verdoppelt. Dieses starke Wachstum ist international einzigartig. In absoluten Zahlen bedeutet es, dass im zweiten Quartal 2018 in der Schweiz 1678 Life-Sciences-Spezialisten gesucht wurden. Mit Hilfe des FKI lässt sich also der oft zitierte Fachkräftemangel beziffern und visualisieren.

 

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Neue Qualifikationen im Fachkräfteindex 2018
In den Life-Sciences ist der Fachkräftemangel besonders virulent, weil hier der Spezialisierungsgrad eine ganz neue Ebene erreicht. Wo sich vor einigen Jahrzehnten noch eine qualifizierte Fachkraft um mehrere Dinge kümmerte, benötigen Pharmafirmen heute fünf oder mehr Spezialisten für dieselbe Aufgabe. Dieser Umstand macht auch die Auswertung der ausgeschriebenen Stellen schwierig. Im neuen FKI hat Hays dem Rechnung getragen, in dem neue, umfassende Kategorien eingeführt wurden.

Neu weist der Index die Qualifikationen "Biowissenschaften/R&D", "Chemie/R&D" und «Mitarbeiter klinische Forschung» aus. Das letztere Berufsbild unterscheidet sich von den beiden ersteren dadurch, dass diese Fachkräfte tatsächlich die meiste Arbeitszeit in der Forschung verbringen, während unter "Biowissenschaften/R&D" und "Chemie/R&D" studierte Naturwissenschaftler der jeweiligen Fachbereiche zusammengefasst werden, die oftmals nicht nur in der Forschung, sondern mitunter auch als Projektleiter oder z.B. in der Produktentwicklung als Verfahrenstechniker arbeiten.

 

Nachfrage nach Biowissenschaftlern hat sich verdreifacht
Die Biowissenschaftler in Forschung und Entwicklung machen zum einen in konkreten Zahlen den grössten Teil der Stellenangebote aus: 624 offene Stellen zählte der FKI im zweiten Quartal dieses Jahres. Zum anderen verzeichnen sie auch das deutlich grösste Wachstum: Bei einem stetigen Anstieg seit dem zweiten Quartal 2016 hat sich die Nachfrage bis heute mehr als verdreifacht.

Wie die Biowissenschaftler schauen auch die Qualitätsmanager auf einen stetigen Anstieg zurück, wenn auch in geringerem Ausmass – dafür seit Beginn der Aufzeichnung mit nur geringen Dellen in drei Quartalen. In der Tat dürfte der Bedarf an Qualitätsmanagern kontinuierlich zunehmen. Der Verbraucher und mit ihm die Gesetze sind weitaus weniger tolerant als noch vor Jahrzehnten, Nebenwirkungen werden nicht mehr so schicksalsergeben hingenommen wie früher. Dazu kommt, dass auch im Qualitätsmanagement die Messmöglichkeiten auch immer weiter differenzieren, weshalb die Spezialisierung zunimmt. Die Skill-Felder Chemie und klinische Forschung schliesslich haben – wie die Qualitätsmanager – eine Nachfrageverdoppelung seit Beginn der Aufzeichnung erfahren.

Neue Regularien und Verordnungen verlangen nach Fachkräften
Nach zuvor stetigem Anstieg über zwei Jahre hinweg mussten im Lauf der letzten vier Quartale die Regulatory Affairs Manager den grössten Rückgang hinnehmen. Doch auch bei ihnen geht es seit einem halben Jahr wieder bergauf. Entsprechende Fachkräfte werden zwar immer benötigt, aber nicht zu allen Zeiten gleich viele. In nächster Zeit stehen jedoch weitreichende neue Regularien und Änderungen an bestehenden Verordnungen an, die gelesen, verstanden und umgesetzt werden wollen. Der Anstieg in der Nachfrage nach diesen Spezialisten ist daher gut nachzuvollziehen.

Über alle Bereiche hinweg ist ein Anstieg in den letzten zwei Quartalen deutlich. Diese positive Entwicklung des letzten Halbjahres erkennen auch die Berater und Kundenbetreuer bei Hays in ihrer täglichen Arbeit. Ganz offensichtlich werden derzeit wieder mehr klinische Studien aufgelegt oder gehen in eine neue Phase, daher der Sprung in allen Bereichen mit Forschung und Entwicklung. Wenn mehr in die Forschung investiert wird, hängt das auch häufig damit zusammen, dass der Patentschutz mehrerer erfolgreicher Medikamente ausläuft. In der Folge dürften Generikahersteller den Herstellern dieser Produkte also schon bald Marktanteile abnehmen. Um neue Umsatzquellen zu erschliessen, müssen die Hersteller deswegen neue Produkte entwickeln beziehungsweise schnell auf den Markt bringen.

Zyklische Nachfrageentwicklung und Wirtschaftslage
In der Delle der letzten Quartale spiegelt sich denn auch deutlich der zyklische Charakter der Life-Sciences wider. Ein neues Medikament auf den Markt zu bringen, erfordert eine lange Vorbereitung vom Aufsetzen einer neuen klinischen Studie bis zur Zulassung durch die Regulierungsbehörden. Klinische Studien durchlaufen dabei nacheinander mehrere Phasen von zwei bis drei Jahren. Der FKI zeigt uns, dass bis Beginn oder sogar Mitte 2017 viele neue Leute eingestellt wurden. Offenbar befanden sich da mehrere Unternehmen in einer Phase ihres Zyklus, wo sie mehr Mitarbeiter benötigten. Besonders gut sieht man das am Beispiel der Regulatory Affairs Manager: Vom 1. Quartal 2015 bis zum 1. Quartal 2017 stieg die Nachfrage um über 50 Prozent. Danach fand in allen Skill-Feldern eine Konsolidierung statt – mit Ausnahme der Biowissenschaften.

Selbstverständlich wirkt sich auch die gute gesamtwirtschaftliche Lage in der Schweiz und weltweit positiv auf die Nachfrage nach Spezialisten aus. Die Life-Sciences sind jedoch zu einem gewissen Grad immer auch unabhängig von der Gesamtwirtschaft. Schliesslich werden Medikamente benötigt, ob die Wirtschaft nun läuft oder nicht. Zudem sorgen die Krankenversicherungen auch dafür, dass die Produkte bezahlt werden. Deshalb ist der Arbeitsmarkt im Life-Sciences-Bereich weit weniger volatil als etwa im Einzelhandel, in der Automobilindustrie oder im Luxusgüterbereich. Dass der Markt anzieht, sieht man auch an den vielen Zusammenschlüssen und Übernahmen in den letzten Jahren.

Der Hays-Fachkräfte-Index basiert auf einer quartalsweisen Auswertung der index Internet und Mediaforschung GmbH für Hays. Einbezogen werden Stellenanzeigen der meistfrequentierten Online-Jobbörsen, von Tageszeitungen sowie dem Business-Netzwerk XING. Den Referenzwert von 100 bildet das 1. Quartal 2015. Zur vereinfachten Lesbarkeit wird bei den Positionsbezeichnungen nur die männliche Form verwendet, auch wenn die Anzeigen sich gleichermaßen an Männer und Frauen richten.


Fragen an Gero Knüfer, Division Manager
bei der Hays (Schweiz) AG

Die Nachfrage lag Ende 2017 praktisch gleichauf wie zur Jahresmitte. Fehlen der Life-Science-Branche in der Schweiz derzeit die richtigen Impulse?

Nein, die richtigen Impulse fehlen sicherlich nicht. Ich interpretiere den Verlauf eher als auf hohem Niveau verharrend. Wir sehen, dass zurzeit in allen Bereichen gesucht wird, ohne dass eine Spezialisierung besonders heraussticht. Solche Auffälligkeiten entstehen meist durch externe Auslöser, beispielsweise durch die Bekanntgabe neuer oder die bevorstehende Änderung bestehender Regularien. Dann müssen sich die Firmen auf weitreichende Änderungen vorbereiten.

Hays-Fachkräfte-Index Gesamtnachfrage nach Life-Sciences-Spezialisten Q3 und Q4/2017 - Schweiz

Die Life-Science-Branche weist einen stark zyklischen Ablauf auf: Neue klinische Studien werden aufgegleist und durchgeführt und enden dann – wenn alles gut läuft – in neuen Medikamenten, die eine Zulassung benötigen. Entsprechend wandelt sich in dieser Zeit auch die Nachfrage nach den einzelnen Skills. Stehen in nächster Zeit neue Studien an, die den Arbeitsmarkt befeuern werden?

Es sind ja nicht nur Studien, die den Life-Science-Markt befeuern, sondern auch Firmenzusammenschlüsse sowie Änderungen von Unternehmensstrategien und Regularien. Wechsel an der Spitze von grossen Pharmakonzernen können unter Umständen diese Ereignisse zusätzlich beschleunigen. Momentan ist auf dieser Ebene viel in Bewegung, weshalb es durchaus sein kann, dass im Laufe des Jahres auch wieder mehr Schwung in den Arbeitsmarkt kommt.

Bei Betrachtung der Kurve über die letzten Jahre hinweg fällt das Nachfragehoch auf, das im 3. Quartal 2014 seine Spitze erreicht. Seither sind die Änderungen von Quartal zu Quartal vergleichsweise moderat. War diese Spitze eine einmalige Entwicklung, oder können wir auf Grund der Zyklizität der Branche in näherer Zukunft mit einem erneuten Nachfrageausbruch rechnen?

Ein Zyklus in der Pharmabranche kann durchaus einmal drei bis vier Jahre dauern. Das hängt zum einen mit der Dauer von grossen, richtungsweisenden Studien zusammen, aber auch mit einer Neuausrichtung in den Unternehmensstrategien und letztlich mit der Digitalisierung. Die Pharmabranche kann und wird vieles (weiter-) automatisieren, was sich bei Beendigung eines Projekts in Personalbewegungen niederschlägt. Ich rechne tatsächlich wieder mit diversen Spitzen, allerdings nicht unbedingt im Ausmass von 2014.

Hays-Life Sciences-Fachkräfte-Index nach Skill Q3 und Q4/2017 - Schweiz

Der Hays-Fachkräfte-Index basiert auf einer quartalsweisen Auswertung der index Internet und Mediaforschung GmbH für Hays. Einbezogen werden Stellenanzeigen der meistfrequentierten Online-Jobbörsen, von Tageszeitungen sowie dem Business-Netzwerk XING. Den Referenzwert von 100 bildet das 1. Quartal 2015. Zur vereinfachten Lesbarkeit wird bei den Positionsbezeichnungen nur die männliche Form verwendet, auch wenn die Anzeigen sich gleichermaßen an Männer und Frauen richten.


Fragen an Gero Knüfer, Division Manager
bei der Hays (Schweiz) AG

Die Gesamtnachfrage ist im 1. Quartal des Jahres nochmals leicht gestiegen, im zweiten Quartal dann allerdings wieder auf einen tieferen Wert als vor einem Jahr gefallen. Über die letzten zwei Jahre gesehen scheint die Nachfrage zu stagnieren. Welche Entwicklungen fliessen hier ein?
Wir spüren deutlich, dass die Wirtschaft angezogen hat. Zum einen sehen wir in der Schweiz, dass Unternehmen vermehrt nach Spezialisten suchen, zum anderen stellen wir fest, dass mehr Fachkräfte wechselbereit sind – was beides für eine positive wirtschaftliche Entwicklung des Standorts Schweiz spricht. Allerdings beobachten wir auch, dass das Interesse ausländischer Spezialisten an einem Wechsel in die Schweiz nachlässt beziehungsweise dass die Kandidaten die Schweiz wieder in Richtung anderer Länder verlassen – ein Zeichen für eine deutliche Erstarkung der europäischen Wirtschaft.

Hays-Fachkräfte-Index Gesamtnachfrage nach Life-Sciences-Spezialisten Q1 und Q2/2017 - Schweiz

Ist die Schweiz bei einem starken Euro noch ausreichend attraktiv für ausländische Arbeitnehmer?
Natürlich, die Schweiz ist und bleibt auch weiterhin attraktiv. Man darf nicht vergessen, dass die meisten Spezialisten ihren Arbeitgeber nicht in erster Linie nach der Attraktivität des Standortes aussuchen, sondern nach der für ihre Karriere besten Perspektive. Im Life-Sciences-Bereich sind viele interessante Firmen eben in der Schweiz angesiedelt. Vielleicht müssen sich Arbeitgeber zurzeit ein wenig mehr anstrengen, um für potenzielle Arbeitnehmer attraktiv zu sein, schliesslich bieten sich in wirtschaftlich starken Zeiten jedem Kandidaten zahlreiche Alternativen. Gerade in der Life-Sciences-Industrie funktioniert das allerdings sehr gut: Viele Firmen in diesem Bereich sind sehr fortgeschritten in ihren Bemühungen um Arbeitnehmerattraktivität.

Für die untersuchten Positionen zeigen sich offenbar projektbedingte zyklische Nachfragespitzen, aber sonst kaum dramatische Verlagerungen. Was beobachten Sie persönlich?
Ich sehe es in der Tat genauso. Wir beobachten immer wieder zyklische Nachfragespitzen, in denen Kunden bestimmte Positionen verstärkt ausschreiben. Sobald diese Stellen erfolgreich besetzt sind, bricht die Nachfrage ab. Das ist zum Beispiel häufig der Fall, wenn bei einer klinischen Studie eine Phase erfolgreich zu Ende geht. Dann werden bereits Mitarbeiter für die nächste Phase gesucht.

Auffällig ist ein plötzlicher Anstieg bei den Regulatory Affairs Managern. Ist dafür die Zyklizität der klinischen Studien verantwortlich?
Das ist ein schönes Beispiel für zyklische Nachfragespitzen – wenn sich zum Beispiel eine Produktverordnung ändert, müssen natürlich alle Regularien der neuen Verordnung angepasst werden. Folglich suchen dann alle betroffenen Unternehmen Spezialisten, die sich mit den alten und den neuen Verordnungspunkten auskennen – und bringen damit, abhängig von der Anzahl der gesuchten Stellen und dem Spezialisierungsgrad der Position, Bewegung in den Markt. Denn wird eine Position mit einer Fachkraft besetzt, hinterlässt diese in der Regel eine Vakanz in einem anderen Unternehmen. Und ganz nebenbei gelangen so auch frische Ideen in die Unternehmen, was zu mehr Innovation und Weiterentwicklung führt.

Welche langfristigen Entwicklungen erkennen Sie zurzeit?
Die Nachfrage nach Spezialisten wird sicherlich auch weiterhin steigen. Das hängt damit zusammen, dass zum einen die gesetzlichen Vorgaben immer umfangreicher werden, zum anderen aber auch die Möglichkeiten durch die Technologieentwicklung für Unternehmen zunehmen. Zusammengefasst kann man sagen, dass heute drei oder vier Personen ein Themenfeld unter sich aufteilen, um das sich früher eine einzige Person gekümmert hat. Der Trend geht also weiter hin zu einer teilweise sehr detaillierten Spezialisierung. Folglich werden immer mehr und auch unterschiedlich spezialisierte Fachkräfte benötigt.

Welche Entwicklungen beobachten Sie im Hinblick auf die Rekrutierung bei grossen Pharmakonzernen?
Die Digitalisierung ist natürlich auch bei unseren Kunden ein grosses Thema, zum Beispiel um die vielen unternehmensinternen Prozesse in der Rekrutierung zu verschlanken und effektiver zu gestalten.

Was würden Sie Hochschulabsolventen empfehlen, wie sie für die nächsten Jahre möglichst attraktiv für Arbeitgeber bleiben können?
Das kommt auf die Tätigkeit und die damit verbundene Notwendigkeit der Spezialisierung an. Ganz allgemein geantwortet: So rasant wie das Businessumfeld werden sich auch die Anforderungen an die Mitarbeiter ändern. Somit kann ich nur empfehlen, sich stetig weiterzubilden und zu schauen, welche Kompetenzen sich im eigenen Bereich ändern oder neu hinzukommen und wie man mit der Entwicklung mithalten kann. Ferner sollte man sich sicherlich irgendwann eine spezielle Fähigkeit zulegen, die einen persönlich aus der Masse heraushebt, um sich so unabdingbar zu machen.

Können Sie schon absehen, wie sich die Nachfrage in der zweiten Jahreshälfte entwickeln wird?
Ich gehe davon aus, dass sich der Markt jetzt erst einmal positiv entwickeln und damit einhergehend auch die Life-Sciences-Branche weiterhin gesund wachsen wird – solange nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt.

Hays-Life Sciences-Fachkräfte-Index nach Skill Q1 und Q2/2017 - Schweiz

Der Hays-Fachkräfte-Index basiert auf einer quartalsweisen Auswertung der index Internet und Mediaforschung GmbH für Hays. Einbezogen werden Stellenanzeigen der meistfrequentierten Online-Jobbörsen, von Tageszeitungen sowie dem Business-Netzwerk XING. Den Referenzwert von 100 bildet das 1. Quartal 2015. Zur vereinfachten Lesbarkeit wird bei den Positionsbezeichnungen nur die männliche Form verwendet, auch wenn die Anzeigen sich gleichermaßen an Männer und Frauen richten.


Fragen an Tobias Lange, Head of Life Sciences
bei der Hays (Schweiz) AG

Der Schweizer Stellenmarkt für Spezialisten im Life-Sciences-Bereich hat sich offenbar noch nicht richtig erholt. Die Nachfrage verlief im letzten halben Jahr in allen ausgewiesenen Spezialisierungen gleichbleibend oder schwach rückgängig. Ist das besorgniserregend?
Einen triftigen Grund zur Besorgnis sehe ich nicht: Der Index zeigt ja, dass die Unternehmen noch immer einstellen und zwar auf dem Niveau von 2011 oder sogar um 50 Prozent darüber. Der drastische Rückgang im vergangenen Jahr hat wahrscheinlich in erster Linie mit dem Frankenschock zu tun – parallel zur Entwicklung in vielen anderen Branchen. In der Tat sieht die Kurve aber vor allem deshalb so dramatisch aus, weil zuvor, in den Jahren 2013/2014, die Nachfrage enorm gestiegen war. Damals wie heute wurden von den Pharmaunternehmen auch in der Schweiz viele neue klinische Studien angestossen – es war also eine Vielzahl offener Stellen zu besetzen.

Hays-Fachkräfte-Index Gesamtnachfrage nach Life-Sciences-Spezialisten Q1 und Q2/2016 - Schweiz

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2014 gab es in der Tat einen hohen Ausschlag mit einer Verdoppelung der Nachfrage in manchen Spezialisierungen. Haben Sie für diesen Ausschlag eine Erklärung?
Eine einfache Erklärung dafür zu finden, ist nicht leicht. Möglicherweise hat die Unsicherheit im Zusammenhang mit der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) 2014 die Nachfrage noch verstärkt. Vielleicht haben sich manche Unternehmen bemüht, viele offene Stellen zu besetzen, weil sie unsicher waren, ob ihnen das nach der Umsetzung der Initiative noch so einfach gelingen würde. Ich glaube, ohne den folgenden Frankenschock hätten wir nach dieser Spitze einen langsamen Nachfragerückgang beobachten können. Die Aufgabe der Frankenuntergrenze hat den Rückgang dann aber wiederum beschleunigt.

Befinden wir uns demnach jetzt wieder auf dem Normalniveau?
Global gesehen steigt die Zahl der klinischen Studien seit 2005 linear, weshalb die Branche laufend neue Arbeitskräfte benötigt. Die normale Entwicklung ist deshalb eigentlich ein leichter konstanter Anstieg der Nachfrage. Noch sind wir nach dem Ausschlag nicht ganz da, das dürfte sich mittelfristig aber wieder geben.

Die Nachfrage nach klinischen Projektmanagern liegt sogar noch immer signifikant höher als 2013. Wieso verhält sich diese Spezialisierung so anders?
Klinische Projektmanager sind meistens am Hauptsitz der forschenden Pharmaunternehmen angestellt, ganz gleich, wo die Studie durchgeführt wird. Diese Stellen werden auch bei Unsicherheit nicht ins Ausland verschoben, da es sich um das Kerngeschäft eines forschenden Pharmaunternehmens handelt. Die Firmen sind von der Zulassung und Patentierung neuer Medikamente abhängig und müssen somit ständig neue, erfolgversprechende klinische Studien lancieren. Bei einer global steigenden Zahl von klinischen Studien werden also auch hierzulande mehr klinische Projektmanager gebraucht. Externe Faktoren wie der Frankenschock oder die MEI wirken sich deswegen nicht so stark auf diese Spezialisierung aus.

Hays-Life Sciences-Fachkräfte-Index nach Skill Q1 und Q2/2016 - Schweiz

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Rechnen Sie mit Auswirkungen des Austritts Grossbritanniens aus der EU auf die Life-Sciences-Branche und den Stellenmarkt hierzulande?
Der Brexit wird sicherlich Auswirkungen auf die Life-Sciences-Branche und den Stellenmarkt hierzulande haben. Es ist allerdings zu früh, um konkrete Effekte zu benennen. Die Auswirkungen werden generell eher indirekter als direkter Natur sein, da die Branche sehr international agiert und reagiert. Kurzfristig wird die entstehende Unsicherheit der nächsten zwei Jahre zu den gleichen Folgen wie bei der MEI führen. Eine Aufwertung des Frankens und eine Unsicherheit bezüglich der Stabilität in der EU und somit indirekt auch in der Schweiz sind generell negativ für die Wirtschaft und somit auch für die Life-Sciences-Branche. Mittelfristig könnte sich hingegen ein eventueller Zuzug von Unternehmen und Arbeitnehmern aus Grossbritannien in die Schweiz positiv auswirken.

Wagen Sie eine Prognose, wie sich die Nachfrage in den nächsten Quartalen entwickeln wird?
Der Nachfrage im Markt für Festanstellungen dürfte aufgrund der steigenden Anzahl klinischer Studien nach einem kurzen Rückgang bald wieder moderat zunehmen, sei es durch neue Märkte im hochqualifizierten Bereich oder durch zuwandernde Unternehmen. Solche Höhen wie 2014 werden wir aber so schnell nicht mehr erklimmen. Angesichts der gesunkenen Stabilität und Zuverlässigkeit der Schweiz überlegen es sich ausländische Unternehmen genauer, ob sie ihre Studien und die Produktion hier durchführen sollen oder an einem ihrer anderen Standorte. Unsicherheit und Veränderung sind hingegen generell gut für die Temporärbranche, da sie den Unternehmen das geeignete Mittel bieten, um angemessen und flexibel zu reagieren.

Der Hays-Fachkräfte-Index basiert auf einer quartalsweisen Auswertung aller Stellenanzeigen in regionalen und überregionalen Tageszeitungen sowie der meistfrequentierten Online-Jobbörsen. Den Referenzwert von 100 bildet das 4. Quartal 2011.