FACHKRÄFTE-INDEX
Life Sciences

Quartal 1 und 2/2016

Fragen an Tobias Lange, Head of Life Sciences
bei der Hays (Schweiz) AG

Der Schweizer Stellenmarkt für Spezialisten im Life-Sciences-Bereich hat sich offenbar noch nicht richtig erholt. Die Nachfrage verlief im letzten halben Jahr in allen ausgewiesenen Spezialisierungen gleichbleibend oder schwach rückgängig. Ist das besorgniserregend?
Einen triftigen Grund zur Besorgnis sehe ich nicht: Der Index zeigt ja, dass die Unternehmen noch immer einstellen und zwar auf dem Niveau von 2011 oder sogar um 50 Prozent darüber. Der drastische Rückgang im vergangenen Jahr hat wahrscheinlich in erster Linie mit dem Frankenschock zu tun – parallel zur Entwicklung in vielen anderen Branchen. In der Tat sieht die Kurve aber vor allem deshalb so dramatisch aus, weil zuvor, in den Jahren 2013/2014, die Nachfrage enorm gestiegen war. Damals wie heute wurden von den Pharmaunternehmen auch in der Schweiz viele neue klinische Studien angestossen – es war also eine Vielzahl offener Stellen zu besetzen.

Hays-Fachkräfte-Index Gesamtnachfrage nach Life-Sciences-Spezialisten Q1 und Q2/2016 - Schweiz

Zum Vergrößern bitte Bild anklicken

2014 gab es in der Tat einen hohen Ausschlag mit einer Verdoppelung der Nachfrage in manchen Spezialisierungen. Haben Sie für diesen Ausschlag eine Erklärung?
Eine einfache Erklärung dafür zu finden, ist nicht leicht. Möglicherweise hat die Unsicherheit im Zusammenhang mit der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) 2014 die Nachfrage noch verstärkt. Vielleicht haben sich manche Unternehmen bemüht, viele offene Stellen zu besetzen, weil sie unsicher waren, ob ihnen das nach der Umsetzung der Initiative noch so einfach gelingen würde. Ich glaube, ohne den folgenden Frankenschock hätten wir nach dieser Spitze einen langsamen Nachfragerückgang beobachten können. Die Aufgabe der Frankenuntergrenze hat den Rückgang dann aber wiederum beschleunigt.

Befinden wir uns demnach jetzt wieder auf dem Normalniveau?
Global gesehen steigt die Zahl der klinischen Studien seit 2005 linear, weshalb die Branche laufend neue Arbeitskräfte benötigt. Die normale Entwicklung ist deshalb eigentlich ein leichter konstanter Anstieg der Nachfrage. Noch sind wir nach dem Ausschlag nicht ganz da, das dürfte sich mittelfristig aber wieder geben.

Die Nachfrage nach klinischen Projektmanagern liegt sogar noch immer signifikant höher als 2013. Wieso verhält sich diese Spezialisierung so anders?
Klinische Projektmanager sind meistens am Hauptsitz der forschenden Pharmaunternehmen angestellt, ganz gleich, wo die Studie durchgeführt wird. Diese Stellen werden auch bei Unsicherheit nicht ins Ausland verschoben, da es sich um das Kerngeschäft eines forschenden Pharmaunternehmens handelt. Die Firmen sind von der Zulassung und Patentierung neuer Medikamente abhängig und müssen somit ständig neue, erfolgversprechende klinische Studien lancieren. Bei einer global steigenden Zahl von klinischen Studien werden also auch hierzulande mehr klinische Projektmanager gebraucht. Externe Faktoren wie der Frankenschock oder die MEI wirken sich deswegen nicht so stark auf diese Spezialisierung aus.

Hays-Life Sciences-Fachkräfte-Index nach Skill Q1 und Q2/2016 - Schweiz

Zum Vergrößern bitte Bild anklicken

Rechnen Sie mit Auswirkungen des Austritts Grossbritanniens aus der EU auf die Life-Sciences-Branche und den Stellenmarkt hierzulande?
Der Brexit wird sicherlich Auswirkungen auf die Life-Sciences-Branche und den Stellenmarkt hierzulande haben. Es ist allerdings zu früh, um konkrete Effekte zu benennen. Die Auswirkungen werden generell eher indirekter als direkter Natur sein, da die Branche sehr international agiert und reagiert. Kurzfristig wird die entstehende Unsicherheit der nächsten zwei Jahre zu den gleichen Folgen wie bei der MEI führen. Eine Aufwertung des Frankens und eine Unsicherheit bezüglich der Stabilität in der EU und somit indirekt auch in der Schweiz sind generell negativ für die Wirtschaft und somit auch für die Life-Sciences-Branche. Mittelfristig könnte sich hingegen ein eventueller Zuzug von Unternehmen und Arbeitnehmern aus Grossbritannien in die Schweiz positiv auswirken.

Wagen Sie eine Prognose, wie sich die Nachfrage in den nächsten Quartalen entwickeln wird?
Der Nachfrage im Markt für Festanstellungen dürfte aufgrund der steigenden Anzahl klinischer Studien nach einem kurzen Rückgang bald wieder moderat zunehmen, sei es durch neue Märkte im hochqualifizierten Bereich oder durch zuwandernde Unternehmen. Solche Höhen wie 2014 werden wir aber so schnell nicht mehr erklimmen. Angesichts der gesunkenen Stabilität und Zuverlässigkeit der Schweiz überlegen es sich ausländische Unternehmen genauer, ob sie ihre Studien und die Produktion hier durchführen sollen oder an einem ihrer anderen Standorte. Unsicherheit und Veränderung sind hingegen generell gut für die Temporärbranche, da sie den Unternehmen das geeignete Mittel bieten, um angemessen und flexibel zu reagieren.

Der Hays-Fachkräfte-Index basiert auf einer quartalsweisen Auswertung aller Stellenanzeigen in regionalen und überregionalen Tageszeitungen sowie der meistfrequentierten Online-Jobbörsen. Den Referenzwert von 100 bildet das 4. Quartal 2011.